Auslandsjournalismus hat sich in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten inhaltlich stark verändert. Neue geopolitische Konstellationen sind für Auslandsjournalisten eine Herausforderung. MegaThemen wie Globalisierung, Kampf der Kulturen, islamistischer Terrorismus, Rohstoff- und Ressourcenproblematiken oder EU-Themen. Die Welt ist groß und ziemlich unübersichtlich. Ob Ukraine, Syrien oder Afghanistan – überall bestimmen undurchsichtige Gemengelagen den Lauf der Dinge.

Der Arbeitsplatz im Ausland ist unter Journalisten nach wie vor begehrt, gilt als Königsdisziplin. Aber wie ist die Wirklichkeit?

„Journalisten und ihre wichtigen Berichte sind zunehmend durch die Angriffe von autoritäreren Regierungen, von Militanten, Kriminellen und Terroristen bedroht, die alle versuchen, mit Technologie, politischem Druck und Gewalt die globale Nachrichtenlage zu bestimmen.“ Zitat: US-Publizist Joel Simon, Colombia Universität.

Zahlreiche Auslandsjournalisten beklagen zunehmende Brennpunktberichterstattung, Verkürzung und Boulevardisierung von Auslandsberichterstattung, manche interpretieren die Hinwendung zum Boulevard als Verbreiterung inhaltlicher Angebote.

Das Netzwerk-Recherche nennt die „Hotspots des Weltgeschehens“: Klassische Korrespondentenstandorte liegen in den US-amerikanischen und europäischen Machtzentren: Washington, New York, London, Paris und Moskau. In den vergangenen Jahrzehnten rasant an Bedeutung gewannen der Standort Brüssel (EU) und das Berichtsgebiet China (Peking, Shanghai). Dem Standortkomplex Naher und Mittlerer Osten, der unter anderem Tel Aviv/Israel, Beirut/Libanon, Amman/Jordanien und Kairo/Ägypten einschließt, kommt als dauerhaftem Krisenherd mit starken geopolitischen Interessenlagen ebenfalls besondere Aufmerksamkeit zu.

Neben diesen „Hotspots“ finden sich Korrespondenten auch an semi-peripheren Orten wie Rom/Vatikan, Wien, Madrid, Singapur, Neu Delhi, Tokio, Johannesburg oder Warschau. Zur absoluten Nachrichtenperipherie zählen derzeit der Pazifische Raum, Subsahara Afrika (mit Ausnahme von Südafrika), Zentralasien und Lateinamerika

„Auslandskorrespondenten muss man sich aber leisten können – oder wollen. Immer öfter sparen deutsche Medienhäuser an ihren Auslandbüros“, beklagt  die Berliner Journalistin Katja Döhne. Das habe Folgen für die Qualität der Berichterstattung.

Weltweite Korrespondentennetze leisten sich allerdings nur noch überregionale Medien wie ARD, ZDF, Spiegel, SZ, FAZ, Handelsblatt, dpa oder die taz.

Im Viertelstunden-Takt berichten heute Shakuntala Banerjee für das ZDF über die schweren Terroranschläge von Brüssel. Für die ARD-Tagesschau ist u.a. Bettina Scharkus in Brüssel und für die Süddeutsche Zeitung recherchieren u.a. Hans Leyendecker und Annette Zoch die Hintergründe der Anschläge.

„Die Zeiten, in denen Korrespondenten durch Australien, Thailand oder die USA zogen und einem dankbar staunenden Publikum die Exotik dieser Regionen näher brachten, sind vorbei.“ Das Netzwerk Recherche hat sich mit den Veränderungen im Auslandsjournalismus beschäftigt. Die Aussage des Systemtheoretikers Luhmann: „Alles, was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“, erweist sich immer deutlicher als Irrtum.

„Früher sind Korrespondenten für teures Geld nach New York oder Washington geschickt worden, wo sie uns dann die eine oder andere Reportage oder Analyse schickten, aber oft nur anhand der Lektüre der Morgenzeitungen ihre Berichte zusammenbastelten“, sagt Laszlo Trankovits, der als Korrespondent für die Deutsche Presse-Agentur (dpa) in den USA, im Nahen Osten, in Italien und Afrika war. Zurzeit lebt er in New York.

„Manchmal muss man was riskieren“, sagt Michael Obert in einem Interview mit der taz-Redakteurin Marlene Halser. Der Journalist reist auf eigene Kosten in Krisenregionen. „Von Marokko kam ich in den Senegal, vom Senegal auf den Kongo, vom Kongo nach Uganda und von dort nach Mogadischu – und in der kriegszerstörten Hauptstadt von Somalia hörte ich von den Folterungen afrikanischer Flüchtlinge im Sinai.“

Laszlo Trankovits erzählt eine Geschichte aus lange vergangenen Zeiten: „Fast zwei Tage musste ich Anfang Oktober 1983, damals Nahost-Sonderkorrespondent, in einer lausigen Unterkunft in einem Kaff nahe des Jabal-Terbol-Massivs im Nordlibanon warten, bis mich Jassir Arafat schließlich empfing. Am Nachmittag eines wunderschönen, wolkenlosen und noch immer sehr warmen Herbsttages brachten mich El Fatah-Kämpfer in ihrem Jeep nach einer halbstündigen Fahrt zu einer kleinen, weiß gekalkten, flachen Häusergruppe an einem Berghang, nicht weit entfernt vom Palästinenserlager Nahr el Bared. Es dauerte keine zwei Minuten, da funkelte mich Arafat mit seinen goßen, dunklen Augen böse an und schrie „You habe to leave, go, this interview is over, go!“

Der Ausschnitt stammt aus dem FAZ-Buch „Die Nachrichten-Profis“ von Laszlo Trankovits.

„Ich hatte den PLO-Führer mit meiner zweiten Frage – nach dem abtrünnigen PLO-Oberst Said Moussa und einer möglichen Spaltung der Fatah – fürchertlich aufgebracht. Diese Geschichte stammt aus einer längst vergangenen Zeit – heute wäre sie vermutlich nie so passiert. Denn für westliche Auslandskorrespondenten ist es inzwischen sehr viel schwerer geworden, die politischen Führer der Konflikte alleine zu sprechen. Wir haben an Bedeutung verloren, das ist überall spürbar.“

„Die Anforderungen an Auslandskorrespondenten sind deutlich gewachsen“, sagt dpa-Auslandschef Michael Ludewig. Denn Zeitungen sind online zu lesen, dramatische Vorfälle werden meist zunächst bei Twitter entdeckt. Die Rede des US-Präsidenten wird live übertragen oder gestreamt und die Stellungnahme des State Department ist online abrufbar.

Die Journalistinnen und Journalisten müssen das Land aus der Nähe beschreiben, mehr Fakten liefern, mit vielen Menschen reden, Zusammenhänge zeigen und erklären. „Wir erwarten von unseren Auslandskorrespondenten, dass sie sich einfach deutlich besser auskennen als die unzähligen Experten für alle Weltgegenden bei uns zuhause“, so Ludwig.

Katja Döhne: „Als im Februar 2014 die Krim-Krise ausbrach, traf das die deutsche Medienlandschaft unvorbereitet. Vorausgeahnt hat den Konflikt um die ukrainische Halbinsel niemand. Rasch gab es Sondersendungen und Live-Ticker zum Thema. Und immer wieder wurde ein Mann interviewt, der prädestiniert dafür schien, Deutschland die aktuelle Lage in der Ukraine zu erklären: Vitali Klitschko. Der ukrainische Box-Weltmeister ist in Deutschland sehr populär, spricht die deutsche Sprache und kennt sich aus mit der Thematik. Aber er ist auch in den Konflikt verwickelt: Klitschko war in dieser Zeit Oppositionspolitiker in seinem Heimatland Ukraine. Seine Sicht der Dinge war also nicht objektiv.

Nur ein paar Wochen später begann in der deutschen Medienlandschaft eine Diskussion über die Berichterstattung im Krim-Konflikt. Sie wurde als schablonenhaft, oberflächlich und einseitig kritisiert. Differenzierte Darstellungen der komplexen Gemengelage wurden schmerzlich vermisst. Woran lag das? Fast alle Korrespondenten wurden auf die Schnelle in den Brennpunkt Ukraine eingeflogen. Manche aus Warschau oder Moskau, wo einige wenige ihre Büros haben, andere auch aus Deutschland.“

Klaus-Dieter Frankenberger, Auslandsressortleiter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, beschreibt die entstandenen Mainstreaming-Tendenzen so:

„Es gibt einen Medienhype. Den muss man beobachten, auf den muss man aufpassen. Ich schaue danach, was für uns wichtig ist. Wichtig sind die anderen Medien für meine Orientierung im Sinne von Gewichtung, im Sinne von Einordnung und Analyse. BBC, NZZ, New York Times, Le Monde; Herald Tribune, was die Amerikaberichterstattung angeht, NTV läuft mit, weil ich wissen will, was in Deutschland momentan passiert. CNN spielt keine so große Rolle, außer wenn aktuell eine Krise passiert. Dann haben wir alle CNN, da schlägt die nichts. Und heute spielen auch die neuen Medien eine viel größere Rolle. (…) Überall muss man auf das Insider-Syndrom aufpassen: Alle einigen sich auf eine Interpretation und der, der dieser nicht folgt, ist entweder ein Radikaler oder ein Verrückter.“

Das Rollenbild des Recherchejournalisten ist unter deutschen Auslandskorrespondenten nur selten anzutreffen – egal ob in Lateinamerika, in Brüssel, in Subsahara Afrika, in Japan oder Washington. Schätzungen von Korrespondenten besagen, dass beispielsweise in Brüssel höchstens fünf Prozent der mehr als 1.000 akkreditierten Journalisten hintergründigen Recherchejournalismus betreiben, in der internationalen Journalisten-Community Nairobis sind gar nur „drei bis vier Korrespondenten“ und auch in Moskau „verarbeiten Korrespondenten zum großen Teil das Material“, was russische Rechercheure generieren (vgl. Hahn et al. 2008).

Die Ursachen liegen hauptsächlich auf Seiten der Redaktionen: Nur selten sind diese gewillt oder in der Lage, solche Arbeiten zu finanzieren oder Personal dafür freizustellen. Recherchen wie die zur SpiegelGeschichte „Putins Ground Zero – Die Kinder von Beslan“ an der sechs Redakteure, Reporter und Korrespondenten mitarbeiteten und in Nordossetien, Inguschien und Tschetschenien recherchierten, sind seltene Ausnahmen. In Deutschland gibt es nur wenige Redaktionen, die solche Arbeiten überhaupt unterstützen und insbesondere im Fernsehen steht für hintergründige Dokumentationen oder gar Enthüllungen auch nur begrenzt Sendezeit bereit, um die sich viele Inlands- und Auslandsautoren drängeln.

„Manche Korrespondentenbüros kosten eine Million Euro im Jahr und mehr“, sagt Lutz Mükke vom Institut für Praktische Journalismus- und Kommunikationsforschung in Leipzig. Deshalb sparen vor allem diejenigen am Auslandsjournalismus, die unter großem Kostendruck stehen: „Die überregionalen Printmedien bauen weiter Korrespondentenstellen ab“, erklärt Mükke, der auch Herausgeber der internationalen Journalismus-Zeitschrift Message ist. Noch viel stärker treffe dieser Trend die Regionalmedien. Während der private Rundfunk kaum ins Ausland investierte, „bleiben die öffentlich-rechtlichen Anstalten eine der stärksten Stützen des deutschen Auslandsjournalismus“.

Im Auslandsjournalismus, so scheint es, spielt Idealismus eine große, und wohl auch eine immer wichtiger werdende Rolle.

Quellen:
Laszlo Trankovits, Die Nachrichten-Profis, Warum Qualitätsjournalismus für unsere Demokratie unverzichtbar ist, Frankfurter Allgemeine Buch, 1. Auflage, März 2015

Was wissen wir noch vom Weltgeschehen?  Über die Krise des Auslandsjournalismus und die notwendige Differenzierung  in der aktuellen „Qualitätsdiskussion“, Netzwerk Recherche, nr-Dossier 2/08

Ausland, Basiswissen für die Medienparxis, Andreas Elter/Christian F. Trippe, Journalismus Bibliothek, 2016, Herbert von Harlem Verlag, Köln.

Reporter über Auslandsjournalismus „Manchmal muss man was riskieren“, Marlene Halser, tazzwei-Redakteurin, taz.de.

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